"Ein gewaltiger Qualitätssprung" - Fragen an den Berliner Landesbeauftragten für Psychiatrie, Heinrich Beuscher


Berliner Krisendienst
(für Pankow, Prenzlauer Berg und Weißensee)
Mühlenstraße 48
13187 Berlin
Telefon 390 63 40

(für Kreuzberg, Friedrichshain, Tiergarten und Wedding)
Turmstraße 21
10559 Berlin
Telefon 390 63 10

Angehörige Psychisch Kranker
Landesverband Berlin
Jutta Craemer
Telefon 892 68 86

Informationen zum Thema
www.psychiatrie.de

Wie hat sich die Situation im psychiatrischen Bereich seit der Wende verändert?

Die bundesweite Psychiatriereform, die nach 1988 in die Wege geleitet wurde, geht davon aus, dass eine gute psychiatrische Versorgung nur in definierten Versorgungsregionen zu gewährleisten ist. Zeitgleich mit der Zusammenführung der beiden Stadthälften galt es also, diese Vorgabe umzusetzen. Als ersten Schritt mussten wir Versorgungsregionen festlegen, denn das gesamte Land Berlin war für eine einzige Versorgungsregion viel zu groß. Jetzt, mit der anstehenden Bezirksreform werden wir dann durchgängig die neuen Bezirke als Pflichtversorgungsregionen in der Psychiatrie haben. Unser Oberziel ist dabei, dass möglichst jeder psychisch Kranke in seinem gewohnten Lebensumfeld bleiben kann und dort das Angebot an Betreuungsleistungen erhält, das er braucht. Dazu musste das gesamte Versorgungssystem umgebaut werden, das heißt: Abbau des klinischen Bereichs bei gleichzeitigem Aufbau einer Infrastruktur im außerklinischen Bereich. Wichtig war in diesem Zusammenhang auch, dass die Kompetenzen in die Bezirke verlagert wurden. Noch zum Zeitpunkt der Wende lag die Zuständigkeit für die Gesamtsteuerung bei der Senatsverwaltung.

Wie weit sind diese Bemühungen gediehen?

Mit Ablauf dieses Jahres wird das Versorgungsnetz weitestgehend aufgebaut und auch der Abbau im stationären Bereich fast vollständig umgesetzt sein. Bisher haben wir die Erfahrung gemacht, dass dieses System, das wir mit den Bezirken zusammen aufgebaut haben, auch tatsächlich funktioniert. Wir haben jetzt in allen Bezirken eine oder mehrere Beratungsstellen für psychisch Kranke, wir haben in jedem Bezirk Zuverdienstprojekte oder Integrationsprojekte, und wir haben die nach dem Psychiatrieentwicklungsprogramm vorgesehenen erforderlichen Kapazitäten im Bereich des betreuten Wohnens aufbauen können. Außerdem wurde im Oktober letzten Jahres ein ambulanter Krisendienst eröffnet, der flächendeckend das gesamte Land Berlin erreicht. Dort können sich Menschen in einer akuten psychischen Krise rund um die Uhr Hilfe holen - das ist in ganz Deutschland einmalig. Auch Angehörige von psychisch Erkrankten können sich dort beraten lassen.

Ist ein solches außerklinisches Versorgungssystem kostengünstiger?

Das ist eine ausgesprochen schwierige Frage, die nicht eindeutig beantwortet werden kann. Es gibt Modellrechnungen, wonach ein konsequent regionalisiertes Versorgungssystem insgesamt zu leichten Kosteneinsparungen führt. Aber das steht bei uns in keinem Fall im Vordergrund. Wichtig ist, dass es zumindest kostenneutral ist. Im Vordergrund steht aber, dass die Qualität der Leistung deutlich angehoben wird. Ich denke, wenn jemand, der vorher wegen seiner psychischen Erkrankung über mehrere Jahre in einem Achtbettzimmer leben musste, jetzt in seiner Wohnung bleiben kann und dort die Betreuung bekommt, die er braucht, dann ist das ein qualitativ sehr gewaltiger Sprung.

Wie bewerten Sie die vier URBAN-Projekte, die im psychiatrischen Bereich angesiedelt sind?

Für uns war URBAN von Anfang an sinnvoll, weil dadurch Maßnahmen realisiert werden konnten, die wir mit den sonstigen Fördermitteln so nicht hinbekommen hätten. Die URBAN-Projekte sind alle in das bezirkliche Gesamtversorgungssystem eingebunden. Wichtig war uns daher, dass sie über das Fördergebiet hinaus ausstrahlen. Beispielsweise die Fachfortbildung für die Mitarbeiter im St.Joseph-Krankenhaus: Davon profitiert ja auch der psychisch Kranke in Pankow. Dennoch ist der Zuschnitt des URBAN-Gebietes etwas problematisch: Unsere Versorgungssysteme umfassen ja die Bezirke, und so zählt Friedrichshain beispielsweise zu einer anderen Versorgungsregion.

Die Stelle des Landesbeauftragten für Psychiatrie ist angesiedelt bei der Senatsverwaltung für Arbeit, Soziales und Frauen.